Die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Tobias Falberg und Hans-Peter Stark nahm ihren Ausgang im Jahr 2010 während eines gemeinsamen Stipendienaufenthalts im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. In intensiven künstlerischen Dialogformaten – sowohl im Atelier als auch auf der Dachterrasse mit Blick auf Ostsee und Bodden – entwickelten sie das Konzept einer symbiotischen Verbindung von Text und Bild, die über eine rein illustrative Funktion hinausgeht.
Seitdem realisierten sie gemeinsam Bild-Text-Gedichte sowie spraybasierte künstlerische Interventionen. Charakteristisch für ihre Zusammenarbeit ist die wechselseitige Inspiration, bei der die Werke des jeweils anderen als kontinuierliche Quelle kreativer Auseinandersetzung dienen.
Im Rahmen der Ausstellung „Kosmischer Transfer“ in Nürnberg setzten sich beide Künstler mit dem lyrischen Erbe des Dichters Su Dongpo (1037–1101) auseinander. Den thematischen Kern bildete das Gedicht „Auftakt zur Wassermelodie / 水调歌头“, verfasst 1076 zum Mittherbstfest und seinem Bruder Su Ziyou gewidmet.
Die erste inhaltlich valide deutsche Übersetzung dieses bedeutenden Werks wurde von Tobias Falberg in Zusammenarbeit mit Xin Sui erarbeitet und interpretiert.
Das Gedicht behandelte – in einem bewusst trunken-emotionalen Zustand – die Themen Trennung und familiäre Sehnsucht, zentrale Motive des chinesischen Mittherbstfests. Es eröffnete ein zeitloses Spektrum universaler Fragen wie Einsamkeit, Verlangen und die tröstende Kraft des Schönen. Ausgangspunkt war die rhetorische Frage „Wann zeigt sich die Mondin so hell?“, aus der sich ein philosophischer Dialog zwischen irdischer Existenz und einem transzendenten „Himmelspalast“ entwickelte.
Wie die Übersetzer hervorhoben, spielte der weiblich konnotierte Mond in der chinesischen Kultur eine zentrale Rolle und wurde im Gedicht zur „schönen Mondfrau“ stilisiert. Der Titel verwies auf die traditionelle Versform der Wassermelodie, eine klassische chinesische Lied- und Vortragsgattung. Su Dongpo, Universalgelehrter der Song-Dynastie, zählt mit rund 2.700 Gedichten zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der chinesischen Literaturgeschichte.
Hans-Peter Stark übertrug die lyrische Symbolik in die Malerei, insbesondere in seinem eigens für die Ausstellung geschaffenen Werk „Der Tanz des Su Dongpo“. Bereits in einem zwischen 2019 und 2022 entstandenen Bildzyklus wurde seine intensive Auseinandersetzung mit der Ästhetik der chinesischen Malerei sichtbar. Im Zentrum stand das Spannungsverhältnis von Landschaft und Zivilisation, ergänzt durch emotional aufgeladene Motive wie Angst und Melancholie.
Auch formal zeigten sich Parallelen zur klassischen chinesischen Kunst: Die gezielte Setzung von Farbe, die kaum Korrekturen zulässt, verlieh den Werken eine unmittelbare energetische Qualität. Die Reduktion der Farbpalette sowie die bewusste Einbeziehung des weißen Malgrundes führten zu einer meditativen Verdichtung und aktivierten die Imagination der Betrachtenden.
Der charakteristische Gegensatz von fließenden, weichen und festen, harten Formen spielte ebenfalls eine zentrale Rolle. Häufig mittels Schablonen und Spraytechnik ausgeführt, bewegten sich die Motive zwischen Transparenz und Formbildung – sie wirkten zugleich im Entstehen und im Auflösen begriffen und blieben damit bewusst deutungsoffen.
Die multimediale Ausstellung verdeutlichte die enge Verknüpfung von Text und Bild und reagierte zugleich auf die Architektur des Kunstraums. Erstmals realisierten Falberg und Stark ein begehbares Bild-Text-Gedicht, das speziell für den Raum entwickelt wurde.
Ihre Arbeiten präsentierten sie bereits in zahlreichen Kontexten, darunter Wien, Nürnberg, das Poetenfest Erlangen, die Villa Ichon in Bremen sowie in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin unter der Schirmherrschaft von Dr. Angela Merkel. Bereits 2011 stellten sie gemeinsam im Galeriehaus Nord aus.
Unter Titeln wie „Hundertvierzig Quintillionen Grad“, „Wir singen das Wort Kerosin“, „In den Äther tätowiert“ oder „Zirkulieren im Sprachrohr“ fanden ihre Werke internationale Resonanz in Literaturhäusern, Galerien und Bibliotheken. Sie loteten kontinuierlich die Grenzen zwischen Sprache und Bildender Kunst aus.
Passend dazu veröffentlichte die Edition Blumen eine repräsentative Auswahl von Bild-Text-Gedichten (2011–2023) in einem eigenständigen Band.
Tobias Falberg (1976, Lutherstadt Wittenberg) ist ein mehrfach ausgezeichneter Lyriker und Prosaautor und lebt im Raum Nürnberg. Zu seinen Auszeichnungen zählen u. a. der Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden, das Autorenstipendium des Künstlerhauses Lukas sowie der Feldkircher Lyrikpreis. Für seinen Gedichtband „Plastiniertes Gelände“ erhielt er 2013 den Literaturförderpreis der Kulturstiftung Erlangen. 2022 wurde ihm das Stipendium für Junge Kunst und neue Wege des Freistaates Bayern verliehen.
Hans-Peter Stark (1971, Stuttgart) ist ein bildender Künstler mit Wohnsitz in Berlin. Er arbeitet in den Bereichen Malerei, Objektkunst und Papierarbeiten. Seine Werke wurden international gezeigt, unter anderem in Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, Stuttgart, Nürnberg, Turin und Bologna. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Bosch WORK-ART Förderpreis sowie das Salzburg-Stipendium der Stadt Mainz. Werke von ihm befinden sich in bedeutenden Sammlungen wie der Staatsgalerie Stuttgart, dem Kölnischen Stadtmuseum, der Stadt Mainz sowie der SØR Rusche Sammlung.
Im Oktober 2025 war Stark zudem in der Ausstellung „TO BE ANNOUNCED“ in Mexiko-Stadt vertreten.
Ausstellungslaufzeit: 22.11.2025 – 24.01.2026
Öffnungszeiten des Kunstraums: Mittwoch bis Samstag von 13 bis 18 Uhr
Hinweis zur Weihnachtszeit: Der Kunstraum bleibt über die Weihnachtsfeiertage (24.12.2025 bis 06.01.2026) geschlossen.
In dieser Zeit wird eine kosmische Lichtinstallation die Räume erleuchten, die Sie täglich ab Einbruch der Dunkelheit durch unsere großen Schaufenster erleben können. Ab Mittwoch, den 7. Januar 2026, sind wir wieder wie gewohnt für Sie da und freuen uns auf Ihren Besuch!
RAHMENPROGRAMM
Vernissage: Freitag, 21. November 2025, 18 Uhr (Die Künstler waren anwesend)
Mit Sound Performance: LADY PROXX & ZOY WINTERSTEIN
Kuratorische Führung mit Ronald Kiwitt: Mittwoch, 10. Dezember um 18 Uhr
Künstlergespräch mit Lesung: Samstag, 17. Januar 2026 um 16 Uhr
Ort: Kunstraum des Konfuzius-Instituts Nürnberg-Erlangen, Pirckheimerstraße 36, 90408 Nürnberg