Am 11. Oktober veranstaltete das Konfuzius-Institut Nürnberg-Erlangen einen Vortrag mit dem Titel „Das Buch der Wandlungen und sein Einfluss auf das chinesische Denken und die chinesische Kultur“. Als Hauptredner war Professor Zhang Wenzhi vom Zentrum für Yi-Studien und alte chinesische Philosophie der Shandong-Universität eingeladen, während Associate Professor Dong Chun und Dozent Qin Jie als Diskussionspartner fungierten. Gemeinsam teilten sie mit dem Publikum ihre Erkenntnisse über alte Weisheiten und deren Bedeutung für die Gegenwart. Vor dem Vortrag hielt Professor Michael Lackner, Seniorprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg, eine Begrüßungsrede. Er stellte die akademische Stellung des Forschungszentrums für Yi-Studien der Shandong-Universität und dessen langjährige Zusammenarbeit mit dem von ihm geleiteten Internationalen Institut für Geisteswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg vor. Professor Zhang hatte zuvor ein Jahr lang als Gastwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg geforscht. Die Vorlesung zog ein Publikum von über zwanzig Chinesischlehrern, Wissenschaftlern und Kulturinteressierten aus Nürnberg und Umgebung an.
Professor Zhang Wen-chih begann mit einer Darstellung der historischen Ursprünge und des wissenschaftlichen Werts des Buchs der Wandlungen und wies darauf hin, dass dieser alte Text die lebendige Quelle der chinesischen Kultur darstellt. Er dient als theoretische Grundlage für die Naturphilosophie und die humanistische Praxis im traditionellen chinesischen Denken, wobei seine Konzepte den Konfuzianismus, den Daoismus, die buddhistische Philosophie, die traditionelle chinesische Medizin, die Psychologie und zahlreiche andere Bereiche durchdringen. Der Text hat die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereiche Chinas über Jahrtausende hinweg tiefgreifend beeinflusst.
Anschließend analysierte Zhang Wen-chih die organische Verbindung zwischen „Bild, Zahl, Prinzip und Weissagung” innerhalb des Yijing. Das Bild steht für die Wahrnehmung und Symbolik von Phänomenen, während die Zahl die Abstraktion und Systematisierung von Objekten bedeutet. Das Prinzip destilliert die Gesetze und Begründungen der Dinge aus Bild und Zahl, und die Weissagung wendet Bild, Zahl und Prinzip in der Praxis an und bildet so ein umfassendes System der Vorhersage und Entscheidungsfindung. Das bildbasierte Denken im Yijing bietet eine einzigartige, ganzheitliche Perspektive für das Verständnis sowohl der Welt als auch der Menschheit selbst. Es ermöglicht den Menschen zu begreifen, wie sie einer Welt im ständigen Wandel begegnen können, und dadurch Weisheit zu erlangen, um verschiedene Krisen zu meistern.
Zum Abschluss des Vortrags erweiterte Professor Zhang die Diskussion auf den chinesisch-westlichen Kulturaustausch und berichtete, wie der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961) sich vom Yijing und dem daoistischen Denken inspirieren ließ, um die analytische Psychologie zu begründen. Dieser interkulturelle spirituelle Dialog zeigte den bedeutenden Einfluss östlicher Konzepte auf die Konstruktion westlicher psychologischer Theorien und ermöglichte es dem Publikum, die anhaltende Vitalität und den praktischen Wert des alten Denkens in der modernen Gesellschaft zu würdigen.
Während der interaktiven Sitzung stellten die Teilnehmer mehrere zum Nachdenken anregende Fragen, darunter, wie man die Prinzipien des Yijing anwenden kann, um scheinbar widersprüchliche Dilemmata zu lösen, denen man in der Praxis begegnet. Zhang Wenzhi stellte klar, dass die Denkweise des Yijing kein einfacher Kreislauf ist, sondern ein dynamischer, spiralförmiger Fortschritt. Er betonte, dass alle Veränderungen zwar erkennbaren Mustern folgen, aber nicht vollständig durch feste Modelle definiert werden können. Nur wenn man sich an den Prinzipien von Yin und Yang ausrichtet, Tugend kultiviert und entsprechend den Umständen handelt, kann man inmitten der Komplexität des Lebens Gleichgewicht und Harmonie erreichen. Darüber hinaus führte Zhang aus, dass die Weissagungsprinzipien desYijing auf astronomischen und kalendarischen Systemen beruhen und keinen inneren Widerspruch zur modernen Wissenschaft darstellen. Dies spiegelt die tiefgründigen Betrachtungen der alten Beobachter über die kosmische Ordnung und die Gesetze des Lebens wider.
Dr. Yan Xu-Lackner stellte fest, dass der Vortrag nicht nur das Verständnis der Teilnehmer für den philosophischen Rahmen des Yijing vertieft habe, sondern auch den kulturellen Austausch und das gegenseitige Lernen zwischen China und dem Westen gefördert habe.