Die Einzelausstellung Im Atem des Windes versammelt einen Auszug aus dem Schaffen der in Hongkong geborenen, seit 1989 in Deutschland lebenden Künstlerin und Bildhauerin Hauchun Kwong (鄺巧珍) und zeigt erstmals neue, eigens für Nürnberg entstandene Arbeiten. Kwongs Praxis ist an der Schnittstelle von Bildhauerei, Kalligrafie, Papierarbeit, Zeichnung und Installation verortet.
Die Ausstellung beleuchtet damit zugleich die Perspektive einer Künstlerin, die seit über dreißig Jahren in Bayern arbeitet und deren Formvokabular aus der Spannung zwischen ostasiatischer kalligrafischer Tradition und westeuropäischer Bildhauerausbildung erwächst.
Diese doppelte Prägung ist biografisch fundiert: Nach dem Studium der Malerei und Bildhauerei an der Guangzhou Akademie der Bildenden Künste (1985–1988) und einer Lehrtätigkeit in Hongkong setzte Kwong ihre bildhauerische Ausbildung von 1991 bis 1997 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Leo Kornbrust fort und wurde Meisterschülerin bei Prof. Cristina Iglesias. Zwischen 1997 und 2002 unterrichtete sie Kalligrafie am Institut für Ostasienkunde der Ludwig-Maximilians-Universität München – eine Lehrtätigkeit, die als systematischer Hintergrund ihrer Auseinandersetzung mit Linie, Rhythmus und Schriftraum zu lesen ist und in der jüngeren Werkgruppe der Scherenschnitte und Holzschnitte ihre bildnerische Fortsetzung findet.
Kennzeichnend für Kwongs Arbeitsweise ist der methodisch reflektierte Wechsel der Medien: Holzschnitt, Scherenschnitt, Malerei und Objekte unterschiedlicher Größe bilden kein additives Nebeneinander, sondern ein kohärentes Gefüge wechselseitiger Bezüge. Der Holzschnitt mit seiner Betonung von Fläche, Kontur und Materialwiderstand findet sein Echo im Scherenschnitt, dessen präzise gesetzte Schnittlinien und Aussparungen wiederum auf die malerische Behandlung von Farbe und Grund zurückwirken. Die raumgreifenden Objekte erweitern dieses Gefüge in die dritte Dimension und verschieben die Frage nach Bildgrenze und Bildträger. Dass die Künstlerin in den vergangenen Jahren Schere und Messer zunehmend als eigenständige Werkzeuge profiliert und fragile Scherenschnitte neben imposante Holzschnitte stellt, ist in diesem Zusammenhang nicht als Medienwechsel, sondern als konsequente Radikalisierung der Frage nach der Linie zu verstehen – als Entscheidung, die zeichnerische Geste nicht aufzutragen, sondern aus dem Material herauszuschneiden.
Inhaltlich zirkuliert das Werk um Wahrnehmung, Erinnerung und Vergänglichkeit. Motive wie Wald, Wind und Licht werden in abstrakte wie organische Formen überführt und bleiben doch als Erfahrungen lesbar. Kwong beschreibt diese Haltung selbst als die eines Beobachters, für den Linien, Licht und Schatten stets im Blickfeld stehen und dreidimensionalen wie zweidimensionalen Raum vermitteln: Licht als Hoffnung und Liebe, in seinen Temperierungen von Kälte und Wärme, Zartheit und Leidenschaft; Schatten als Übergang von Volumen und Gewicht. Die drei Techniken – Malerei, Scherenschnitt und Bildhauerei – sind bei ihr denn auch nicht auf unterschiedliche Gegenstände, sondern auf dieselben Emotionen gerichtet.
Programmatisch schließt die Ausstellung an eine kunsthistorische Referenz an: Kwong zitiert Jean Genets Bemerkung zu Giacomettis Skulpturen, der Ursprung der Schönheit liege im Schmerz, und formuliert daraus eine eigene Poetik des Enthüllens und Erhellens – Kunst als Weg, tiefsten Schmerz sichtbar zu machen und in Energie zu überführen. Die Formel Sound of Silence, die dem Werk als Leitmotiv dient, benennt dabei keine Abwesenheit von Sprache, sondern deren Verdichtung: Stille als Flüstern der Dunkelheit, als Medium, in dem Zeit, Leere, Temperatur, Klang, Einsamkeit und Erinnerung im ständigen Wandel lesbar werden.
Bereits zu Beginn des Studiums in München begann sie, verschiedene kleine Objekte aus Draht zu fertigen. Die größte Skulptur aus verzinktem Eisendraht – mit einer Länge von 370 cm und einem Gesamtgewicht von etwa 200 kg – diente als ihre Diplomarbeit und nahm ein Jahr in Anspruch. Hierfür verarbeitete sie 9 Kilometer Draht. Eine zweite Skulptur aus verkupfertem Draht ist 440 cm lang, wiegt 100 kg und erforderte acht Monate Arbeit. Die gesamte Serie zeigt einen kompakten Prozess sowie Dialoge von Form, Emotionalität, Kraft und – am wichtigsten – ZEIT. Dass eines der bekanntesten Werke der Künstlerin im öffentlichen Raum, die in Ortbeton gegossene, raumgreifende Reliefarbeit Walking Forest im Treppenhaus eines Projekts der Architekten VALLENTIN + REICHMANN, die Übertragbarkeit dieser Fragestellung in architektonische Kontexte belegt, unterstreicht den Anspruch: Kwongs Arbeiten sind nicht als abgeschlossene Einzelpositionen zu lesen, sondern als Stationen einer fortlaufenden Arbeit an den Bedingungen von Wahrnehmung.
Vernissage: Fr, 27.11.2026, 18 Uhr
Ausstellungslaufzeit: 28.11.2026 – 23.01.2027
Rahmenprogramm
Künstlerinnengespräch, Do, 17. Dezember 2026, 18 Uhr
Soirée mit Dunja Schneider, Do, 14. Januar 2027, 18 Uhr
Ort: Kunstraum des Konfuzius-Instituts
Pirckheimerstr. 36, 90408 Nürnberg
Mi-Sa 13-18 Uhr