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  • 09.07.2020 19:00 - 20:30

    Chinas Umgang mit der Corona-Krise – sinologisch, politikwissenschaftlich und virologisch betrachtet

    Bereits seit einem halben Jahr hält die Coronapandemie die Welt in Atem. Gesundheitssysteme, Politik, Wirtschaft, Bildungswesen – betroffen sind alle Lebensbereiche, überall auf der Welt. Über Chinas Umgang mit der Krise, vor allem in den Anfängen der Pandemie, wird heftig und kontrovers diskutiert. In einer Online-Gesprächsrunde am 9. Juli warf das Konfuzius-Institut Nürnberg-Erlangen Licht auf Chinas Vorgehen aus drei unterschiedlichen Perspektiven: der sinologischen, der politikwissenschaftlichen und der virologischen. Ihre Einschätzungen zur Lage gaben drei China-Experten: Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer, Seniorprofessor der Universität Tübingen, Direktor des China Centrums Tübingen und einer der bekanntesten deutschen Sinologen; Dr. Junhua Zhang, Senior Associate am European Institute for Asian Studies (EIAS); und Prof. Dr. Mengji Lu, Virologe am Universitätsklinikum Essen. Die Online-Veranstaltung zog zahlreiche interessierte Zuhörer*innen aus der Region und ganz Deutschland vor die Bildschirme, die sich durch Fragen nach den anfänglichen Statements der Experten aktiv an der Diskussion beteiligen konnten. Moderiert wurde die Gesprächsrunde von der Direktorin des Konfuzius-Instituts Nürnberg-Erlangen, Dr. Yan Xu-Lackner.

    Der Virologe Prof. Dr. Mengji Lu gab einen kurzen Überblick über das aktuelle Infektionsgeschehen in China. Zwar sei die erste Welle erfolgreich unter Kontrolle gebracht und die strikten Quarantäne-Maßnahmen weitgehend gelockert worden, aber immer wieder erfordern lokale, kleinere Ausbrüche des Virus wieder restriktivere Maßnahmen und Massentests. Prof. Lu erläuterte unter anderem, warum in China, wo Mediziner und Regierung bereits auf Erfahrungen mit anderen Virus-Ausbrüchen (u.a. SARS 2004, Vogelgrippe 2013) zurückgreifen konnten, eine andere Bekämpfungsstrategie verfolgt wurde wie in vielen anderen Ländern wie beispielsweise den USA und in Europa. In China erfolgte eine komplette Abschottung und eine Konzentration auf die sogenannte „Null-Übertragung“. Einen hundertprozentigen Erfolg garantierte diese Strategie jedoch nicht, wie die immer wieder aufkommenden neuen Ausbrüche zeigen. In der Gesellschaft herrsche eine große Unsicherheit bezüglich des zukünftigen Vorgehens: Ist es sinnvoll, nur auf die schnelle Entwicklung eines Impfstoffes zu setzen, oder sollte das öffentliche Leben weiter geöffnet werden und ein Leben mit dem Virus angestrebt werden? Vorwürfe gegenüber China, dass zu langsam auf den Ausbruch des Coronavirus reagiert und Informationen zurückgehalten worden seien, sorgten im Land und weltweit für eine zerrüttete Vertrauensbasis.

    Der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Junhua Zhang verwies mit Blick auf die Zahlen an Infizierten und Toten in den USA auf das Scheitern der amerikanischen Strategie der Virusbekämpfung. Im Vergleich dazu sei das chinesische Modell trotz der autoritären Vorgehensweise zumindest den Zahlen nach weitaus effektiver gewesen. Dr. Zhang sprach zwei wichtige Themen an: Durch die weltweite Vernetzung in unserer globalisierten Welt stehe jedes Land auch in der Pflicht, globale Verantwortung zu übernehmen – welche Verantwortung habe deshalb China als Ursprungsland zu übernehmen? Vor allem in der ersten Phase der Virusbekämpfung habe China Dr. Zhangs Ansicht nach sehr problematische gehandelt: eine verspätete Mitteilung bzw. Missachtung der Meldepflicht an die WHO, und der Versuch, die Entstehungsgeschichte des Virus in der Öffentlichkeit zu vertuschen und gar andere Staaten als Ursprungsländer zu bezichtigen, zeugen von wenig Bereitschaft, globale Verantwortung zu übernehmen. Mit Besorgnis stellte Dr. Zhang die Frage in der Raum, wie eine Pandemie mit wissenschaftlicher Forschung bekämpft werden soll, wenn eben diese Forschung in China der Zensur unterliegt?  Neben der globalen Verantwortung spiele aber auch eine globale Gesundheitsgovernance durch die WHO eine zentrale Rolle. Bei der Bekämpfung der SARS-Epidemie 2004 war die WHO maßgeblich am Erfolg beteiligt. Im Fall von COVID-19 habe die Weltgesundheitsorganisation zu Beginn jedoch nicht den Mut gehabt, den Ursprung des Virus genauer zu untersuchen, erst jetzt wurden detaillierte Untersuchungen eingeleitet. Dies gebe Anlass zu Vermutungen, dass die WHO zu „chinafreundlich“ reagiert habe.

    Einblicke aus einer ganz anderen Perspektive gab Prof. Dr. Schmidt-Glintzer. Er betonte, dass der Blick nicht nur auf China zu richten sei, sondern dass man zugleich auch auf Europa blicken müsste. Mit Verweis auf historische Hintergründe ließ er erkennen, dass die unterschiedlichen Reaktionen auf die Pandemie vor allem durch systemischen Bedingungen in den einzelnen Staaten bedingt sind. Während beispielweise bei der Spanischen Grippe in den Jahren 1918/1919 der Wunsch nach Freiheit und Demokratie weltweit maßgeblich war, so drängen heute in China, aber auch anderen Ländern, andere Interessenslagen in den Vordergrund. Doch alle Länder und Systeme suchen nach innen wie nach außen nach Legitimierung: So bot China etwa in der Krise medienwirksam seine Unterstützung für hilfsbedürftige Länder an, während amerikanische Politiker dazu aufriefen, China als Ursprungsland der Pandemie zu bestrafen. Für Prof. Schmidt-Glintzer war die zentrale Frage, wer nun für eine zweite Welle oder weitere Pandemie besser gerüstete sein wird: Europa, China oder doch Amerika? Im Gegensatz zu China steht für uns in Europa nicht der Nationalstaat im Vordergrund, sondern die Stadt und die Freiheit der Bürger. Wichtig sei es deshalb auch, auf die lokalen und regionalen Akteure zu blicken. Er ermahnte aber auch, dass neben der Pandemiebekämpfung auch andere drängende Aufgaben wie der Klimaschutz nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

    In der anschließenden Diskussionsrunde mit Fragen der Zuhörer*innen kamen verschiedene Themen zu Wort, wie beispielsweise wirtschaftliche, militärische und gesellschaftliche Auswirkungen der Pandemie, die Sorge davor, dass sich China seiner globalen Verantwortung entzieht, öffentliche Diskussionen über die chinesische Bekämpfungsstrategie, oder die Frage, ob die chinesische Regierung gestärkt oder geschwächt aus der Krise hervorgehen wird.

    Die komplette Diskussionsrunde können Sie jederzeit online auf dem YouTube-Kanal des Konfuzius-Instituts Nürnberg-Erlangen anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=v-LU2QBDZkg&t=888s

     

     

     

    Prof. Dr. phil. Helwig Schmidt-Glintzer ist Seniorprofessor der Universität Tübingen, Direktor des China Centrums Tübingen und einer der bekanntesten deutschen Sinologen. Schmidt-Glintzer war von 1993 bis 2015 Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Seit 1999 ist er ordentliches Mitglied der Geisteswissenschaftlichen Klasse der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, seit 2002 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und seit 2004 korrespondierendes Mitglied der Philologisch-Historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

    Dr. phil. Junhua Zhang ist Senior Associate am European Institute for Asian Studies (EIAS). Seit 2006 schreibt er regelmäßig Kolumnen für die Neue Zürcher Zeitung. Seine Forschungsgebiete sind vergleichende politische Systeme, internationale Beziehungen mit Schwerpunkt auf internationaler politischer Ökonomie und das soziale Gedächtnis.

    Prof. Dr. rer. nat. Mengji Lu ist Virologe am Universitätsklinikum Essen. Im Rahmen des langjährigen universitären Austauschprogramms zwischen Essen und China hat er zahlreiche chinesische Nachwuchswissenschaftler ausgebildet und einen großen Beitrag zur Etablierung des Sonderforschungsbereiches Transregio 60 mit den Universitäten in Wuhan und Shanghai geleistet. Sein Forschungsgebiet sind chronische Hepatitis-B-Virusinfektionen.

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